"Affrancamento"-Verfahren*

*(Nur für Kunden mit Wohnsitz in Italien)

Stand: 10. Januar 2012

Der italienische Begriff "Affrancamento" lässt sich wohl sinngemäß mit "Freistellung durch Neubewertung" übersetzen. Es handelt sich um ein besonderes Verfahren, das in Italien normalerweise bei einer Steueränderung (wie der Anhebung des Ersatzsteuersatzes auf Finanzerträge von 12,5% auf 20% ab Januar 2012) angewandt wird, um zu verhindern, dass ungünstigere Neuerungen den Steuerpflichtigen in der Übergangsphase übermäßig belasten. Wie später näher erläutert wird mit einer solchen Freistellung im Jahr 2011 nur dann das gewünschte Ziel erreicht, wenn das Portfolio gegenüber dem ursprünglich investierten Kapital an Wert gewonnen hat und die Gewinne insgesamt höher sind als die Verluste. Ist das Gegenteil der Fall, ist diese Neubewertung sogar von Nachteil. Dabei gilt: Je höher der Kapitalverlust, desto größer der Nachteil. In einer Marktphase, in der die überwiegende Mehrheit der Anleger insbesondere im zweiten Halbjahr 2011 schwere Kapitalverluste hinnehmen musste, scheint der steuerliche Vorteil der Freistellung nur äußerst wenigen Glücklichen beschieden.

Das Verfahren beinhaltet die fiktive Veräußerung der Beteiligung, wodurch der Mehrerlös der bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Ersatzsteuer (in unserem Fall in Höhe von 12,5%) unterzogen werden kann. Auf diese Weise wird der steuerliche Mehraufwand insofern berücksichtigt, dass zum Zeitpunkt eines zukünftigen tatsächlichen Verkaufs nur der Teil der Wertsteigerung, der ab 2012 - also ab Inkrafttreten des neuen Steuersatzes von 20% - anfällt, mit 20% besteuert wird. Da es sich nur um eine fiktive Veräußerung handelt, bleibt die Beteiligung selbstverständlich Eigentum des Steuerpflichtigen. Es ändert sich jedoch der durchschnittliche Kaufpreis, da im Voraus die gleiche Ersatzsteuer abgeführt wurde, die auch im Fall einer tatsächlichen Veräußerung gezahlt worden wäre.

Möchten Sie dieses Freistellungs-/Neubewertungsverfahren nutzen, beachten Sie bitte, dass es nur auf alle Wertpapiere im Portfolio (und nicht auf einzelne) angewandt werden kann. Dadurch entstehen bei einigen Wertpapieren Gewinne und bei anderen Verluste, die miteinander verrechnet werden.
Am Ende ergibt sich unter dem Strich ein Verlust oder ein Gewinn:

Vorgehensweise

Der Freistellungsantrag muss dem Finanzintermediär schriftlich bis spätestens 31. März 2012 eingereicht werden (bei mehreren Depots ist für jedes Depot ein separater Antrag zu stellen).

Eine Freistellung ist nur für Wertpapiere möglich, die am 31.12.2011 gehalten wurden und sich auch noch zum Zeitpunkt der Antragstellung im Portfolio befinden.

Der neue durchschnittliche Kaufpreis ist nach Anwendung des Verfahrens der Preis vom 30.12.2011, der letzten Börsensitzung des Jahres.

Bei der Quellenbesteuerung muss der Finanzintermediär und bei der Besteuerung über die Einkommensteuererklärung der Steuerpflichtige folgende Schritte unternehmen:

Erfolgt die Besteuerung im Rahmen der Einkommensteuererklärung, gilt das Verfahren als abgeschlossen, sobald der Steuerpflichtige die Steuer nach dem Ausfüllen des Einheitsformular Modello Unico 2012 entrichtet hat.

Zwei Beispiele

1) Kurs liegt am 30.12. über dem durchschnittlichen Kaufpreis

Im Portfolio befinden sich 2000 Aktien zum durchschnittlichen Kaufpreis von 10 € mit einem Gesamtwert von 20.000 €, die 2012 zum Stückpreis von 13,5 € verkauft werden.

MIT NEUBEWERTUNG ZU FREISTELLUNGSZWECKEN

Offizieller Kurs am 30. Dezember 2011: 12 €, was einem Gesamtwert von 24.000 € entspricht.

24.000 - 20.000 = 4.000 x 12,5% = 500 € im Voraus gezahlte Steuer.

Neuer durchschnittlicher Kaufpreis: 12 €.

Verkauf im Jahr 2012 zum Stückpreis von 13,5 € mit einem Gesamtwert von 27.000 €.

27.000 - 24.000 = 3.000 x 20% = 600 €.

Steuerzahlung insgesamt: 500 + 600 = 1.100 €.

OHNE NEUBEWERTUNG ZU FREISTELLUNGSZWECKEN

27.000 - 20.000 = 7.000 x 20%= 1.400 € Steuerzahlung

2) Kurs liegt am 30.12. unter dem durchschnittlichen Kaufpreis

Im Portfolio befinden sich 2000 Aktien zum durchschnittlichen Kaufpreis von 10 € mit einem Gesamtwert von 20.000 €, die 2012 zum Stückpreis von 10,5 € verkauft werden.

MIT NEUBEWERTUNG ZU FREISTELLUNGSZWECKEN

Offizieller Kurs am 30. Dezember 2011: 9 €, was einem Gesamtwert von 18.000 € entspricht.

18.000 - 20.000 = -2000 € Verluste.

Neuer durchschnittlicher Kaufpreis: 9 €.

Verlustvortrag 2000 x 62,5% = 1.250 €.

Verkauf im Jahr 2012 zum Stückpreis von 10,5 € mit einem Gesamtwert von 21.000 €.

21.000 - 18.000 = 3.000.

3.000 x 20% = 600 €.

600 - Steuerguthaben von 250 (entspricht 12,5% des zum 30.12 angefallenen Gesamtverlusts und 20% des Verlustvortrags in Höhe von 62,5%) = 350 € Steuerzahlung.

OHNE NEUBEWERTUNG ZU FREISTELLUNGSZWECKEN

21.000 - 20.000 = 1.000 x 20%= 200 € Steuerzahlung.

Fazit

Es zeigt sich, dass eine Neubewertung bzw. Freistellung jener Wertpapiere, die zum 30.12.2012 einen höheren Wert aufweisen als zum Kaufzeitpunkt, eine Steuererleichterung mit sich bringt. Liegt der Kurs der Wertpapiere dagegen unter dem Kaufpreis, ergibt sich durch eine Neubewertung eine entsprechend höhere Steuerbelastung. Diese entspricht der Differenz zwischen dem Steuerbetrag, der ohne Neubewertung nicht auf den erneuten Wertanstieg bis zum tatsächlichen durchschnittlichen Kaufpreis fällig geworden wäre, und seinem nur teilweisen Ausgleich im Rahmen des auf 62,5% begrenzten Verlustvortrags. In der Praxis bezahlt man zusätzlich 7,5% der Differenz zwischen dem Gegenwert zum durchschnittlichen Kaufpreis und dem geringeren Gegenwert aus der Neubewertung zum 30.12.2011. Nur der gesamte Verlustvortrag würde einen Ausgleich ermöglichen und die Transaktion aus steuerlicher Sicht neutralisieren (im zweiten Beispiel müsste das Steuerguthaben 20% von 2000 € und somit 400 € anstatt 250 € betragen). Ist der Kurs zum Zeitpunkt des Verkaufs wieder gestiegen, ohne jedoch den ursprünglichen durchschnittlichen Kaufpreis zu erreichen, muss sogar ohne Erzielung eines Gewinns eine Steuer gezahlt werden.

Abschließend lässt sich also sagen, dass die Freistellung in Form einer Neubewertung insgesamt gesehen nur für diejenigen Anleger von Vorteil ist, die deutlich mehr Gewinne als Verluste erzielt haben.